Kolumne
BUSINESS AND HUMANITY 

In dieser Kolumne setze ich mich mit der Vereinigung von Wirtschaft und Menschlichkeit auseinander. Ich freue mich über Impulse und Kontakte die darüber entstehen. Nachrichten gerne an: kolumne@konradi.com

Schwäche als (Führungs-)Kraft


Wie kann es sein, dass Schwäche als Kraft gesehen und erlebt werden kann?

Gehen wir ein paar Schritte zurück und stellen uns die Frage: Was ist Schwäche eigentlich?

Wir kennen wahrscheinlich alle was Schwäche nicht ist, da wir darauf konditioniert sind, nicht schwach zu sein, nicht zu versagen, nicht zu scheitern.

Aber was geschieht in den Momenten, in denen wir uns abends, wenn die innere Maschine zur Ruhe kommt, immer mehr ausgezehrt fühlen? Wenn wir immer gereizter reagieren auf unsere Mitarbeiter, auf unsere Partner zu Hause? Wenn die Dinge nicht mehr so erfolgreich laufen, wie wir es geplant haben und andere anfangen das Zepter zu übernehmen? Wenn wir alles und jeden um uns herum dafür verantwortlich machen, dass wir nicht mehr glücklich sind? Oder wenn wir uns mit Selbstvorwürfen überhäufen?
Was geschieht, wenn wir feststellen, dass wir orientierungslos geworden sind? Wenn das, was uns eben noch Halt und Sicherheit versprochen hat, nicht mehr funktioniert? Wenn uns die Arbeit plötzlich nicht mehr erfüllt und uns das gibt, was wir uns versprochen haben? Wenn ein Ereignis in unserem Leben uns aus der Bahn geworfen hat? Wenn wir vor lauter Leistungsdruck feststellen, dass wir überhaupt nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind, wer wir ohne unseren Erfolg sind?

Was geschieht dann?

Finden wir das nächste noch größere Projekt? Eine neue Arbeitsstelle? Einen neuen Chef? Neue Mitarbeiter? Neue Herausforderungen? Mehr Geld und Gehaltsforderungen?

Gerade die Wirtschaft eignet sich hervorragend dazu, Erfolge zu feiern und sich zu profilieren. Jemand zu werden und zu sein. Wir haben dies vielleicht durch die Verneinung des Fühlens erreicht, sicherlich nicht mit böser Absicht, vielleicht einfach aus einer Not heraus, damit es uns wieder besser geht.
Oder dieser Jemand in uns, wird durch besonders glücklich spielen erreicht, oder durch einen tiefen Mechanismus des Verdrängens. Auch Angst als Antrieb kann "Wunder" bewirken. Leider unterstützen wir uns gegenseitig darin Meister zu werden Jemand zu sein, da wir es nicht anders gelernt haben und da wir vielleicht glauben, anders nicht überlebensfähig zu sein.

Und doch, wenn wir Glück haben, kommt es irgendwann zu dem Punkt, an dem wir uns eingestehen, dass wir uns in der Tiefe schwach, ohnmächtig oder schutzlos fühlend, und dass es diesen Jemand in dieser Form vielleicht gar nicht gibt.

In diesem Moment können wir anfangen zu erlauben, dass es eine neue, eine andere Möglichkeit in unserem Leben gibt, als die, die wir bisher immer gewählt haben - die Akzeptanz.
​​​​​​​In uns sind die Fähigkeiten vorhanden, alles, was uns begegnet und alles, was in uns auftaucht, erfahren zu können. Das Einzige, was vielleicht nicht überlebt, sind unsere alten Überzeugungen und Glaubenssätze. Das ist ein Sterben. Aber kein Sterben in etwas Totes, vielmehr ein Sterben in die Lebendigkeit in uns selbst.

Der Scheiterpunkt

Der Moment, in dem ich die Schwäche wieder fühle, erscheint wie ein Scheitern. Und genau genommen ist es ein Scheiterpunkt - ein Scheitelpunkt. Wenn ich an diesem Punkt inne halte und mir erlaube, für einen Moment anwesend zu bleiben, dann fühle ich vielleicht Schmerz, fühle Traurigkeit. Fühle.
Aber vielleicht bleibe ich zum ersten Mal und verweile. Und es ist, als ob mich das Verweilen in eine natürliche Schwäche und ein natürliches Gewicht trägt, vielleicht ist es einen Tick leichter als zuvor, oder bei einem Anderen, der die Tendenz hat Dinge eher im Kopf zu lösen, einen Tick schwerer, aber genau dieser kleine Unterschied lässt uns an diesem Wendepunkt behutsam auf die andere Seite wandern. Getragen. Allein durch unsere Anwesenheit. Durch unsere Erlaubnis einen Moment mit uns zu sein, vielleicht begleitet durch einen bewussten Atemzug.

In diesem Moment wird das Geheimnis der Kraft sichtbar. Ich bekomme Zugang zu einer Wirkung von Kraft in Schwäche. Vielleicht ist es besser, an diesem Punkt von einem Fluss zu sprechen. Und wie das Wasser selbst sich zu großen Wellen und ungeheuren Wogen aufbäumen kann, so ist es auch in uns. Und nach jeder Welle, ob groß oder klein, wird das Wasser wieder sanft und still und bleibt Wasser an sich.

So ist die Schwäche immer Kraft, ebenso wie die Stärke in uns. Verleugnen wir die eine oder andere, so macht es uns krank. Und wir landen in tiefen psychischen Störungen oder in einer massiven Ausgezehrtheit unserer selbst.

Es ist ein Weg, der sich lohnt, besonders in der Wirtschaft unserer Zeit.

Es ist ein langsamer und behutsamer Weg, er ist nicht schnell und rational, er ist nicht machbar, aber er ist lernbar und erfahrbar. Und es lohnt sich, ein Bewusstsein zu schaffen für genau die Wege, die uns wieder gesund sein lassen, für die Wege, in denen wir im Unternehmen wieder Mensch sind. Dass daraus Freude an der Arbeit entsteht, diese auch noch produktiver und kreativer wird, das ist ein willkommener Nebeneffekt.

Ich schließe mich der Aussage von Virgina Satir an, einer bedeutenden Therapeutin des letzten Jahrhunderts. Sie war der Ansicht, dass Veränderung - vor allem innere Veränderung - jedem Menschen möglich ist, ganz gleich, wie alt der Betreffende ist oder in welchen äußeren Verhältnissen er lebt. (Satir 1995)

Christoph Konradi


Das Satir-Modell, Virginia Satir, John Banmen, Jane Gerber, Maria Gomori - Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn 1995
 
 

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